In großen Buchstaben schreibt Yusuf ein Wort auf eine gelbe Karteikarte: „Wut“. Er hängt sie an eine Wand, an der bereits Karten mit „Trauer“, „Angst“ und „Verzweiflung“ befestigt sind. Für den 21-Jährigen ist das Gefühl eng mit seiner Vergangenheit verbunden – und mit einer Tat, die ihn vor Gericht brachte.
Yusuf wurde wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Gemeinsam mit Freunden hatte er Mitglieder einer anderen Gruppe brutal zusammengeschlagen. Heute sagt er: „Ich bereue das sehr.“ Im Sozialen Trainingskurs der Jugendgerichtshilfe Krefeld versucht er, die Auslöser seiner Wut zu verstehen und künftig anders mit ihnen umzugehen.
Ein Kurs als letzte pädagogische Chance vor einer Haftstrafe
An diesem Dienstag sitzen fünf junge Männer und vier junge Frauen in einem Gemeinschaftsraum im Souterrain. Der Kurs ist keine freiwillige Freizeitveranstaltung: Die Teilnahme wird vom Gericht angeordnet und ist häufig Teil einer Bewährungsauflage.
Adressiert sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 21 Jahren, die bereits mehrfach oder wegen schwererer Delikte straffällig geworden sind. Viele Fälle betreffen gefährliche Körperverletzung. Wer die Regeln des Kurses verletzt oder nicht aktiv mitarbeitet, kann ausgeschlossen werden und muss mit weiteren jugendrichterlichen Maßnahmen rechnen.

Organisiert wird das Training seit mehr als 15 Jahren von der Jugendhilfe im Strafverfahren der Stadt Krefeld. Seit 2017 führt der Katholische Verein für soziale Dienste in Krefeld (SKM) die Kurse durch. Drei Mal im Jahr beginnt ein Durchlauf, der sich über rund drei Monate mit wöchentlichen Einheiten erstreckt.
Gefühle erkennen, bevor Gewalt entsteht
Die Einheiten widmen sich jeweils einem bestimmten Thema. Neben Gefühlen und Emotionen stehen Selbstreflexion, Biografiearbeit, Opferperspektive und gewaltfreie Kommunikation auf dem Programm.
Die Sozialpädagoginnen arbeiten mit den Jugendlichen in der Gruppe, führen aber auch verpflichtende Einzelgespräche vor dem Kursbeginn. Die Trainerinnen erhalten zudem Informationen und Wirkungsziele aus dem sogenannten Zuweisungsbogen und stimmen sich mit den zuständigen Jugendgerichtshelfern ab.

Im Mittelpunkt steht eine konfrontierende Pädagogik: Die Teilnehmer sollen sich mit ihrer Tat auseinandersetzen, die Folgen für Betroffene erkennen und eigene Strategien für ein straffreies Leben entwickeln. Dabei geht es auch um die Frage, wie sich Selbstbehauptung ohne Gewalt erreichen lässt.
Warum Jugendliche straffällig werden
Die Ursachen sind nach Einschätzung von Denise Krüger vom SKM unterschiedlich. Einige Teilnehmer hätten in ihrer Kindheit selbst Gewalt erlebt oder wüchsen in schwierigen Familienstrukturen auf. Andere handelten vor allem unter dem Einfluss von Gruppen.
Nicht alle beginnen den Kurs mit derselben Offenheit. Während einige Jugendliche konzentriert über ihre Gefühle sprechen, wirken andere unsicher oder zurückhaltend. Zwei Teilnehmer müssen in der Pause von einer Mitarbeiterin angesprochen werden, weil sie während der Einheit wiederholt herumalbern.

Von ursprünglich meist zwölf Teilnehmern erreichen nach Angaben Krügers gewöhnlich nur acht bis zehn das Ende des Kurses. Die Maßnahme ist für bestimmte Fälle nicht vorgesehen, etwa bei Sexualdelikten sowie schweren Sucht- oder psychischen Erkrankungen.
Rund 75 Prozent bleiben nach dem Kurs straffrei
Eine Auswertung der Stadt Krefeld für die Jahre 2020 bis 2025 kommt zu einem positiven, aber nicht uneingeschränkten Ergebnis: Rund 75 Prozent der Absolventinnen und Absolventen bleiben nach dem Training straffrei.
Gülay Kaya, Leiterin der städtischen Jugendhilfe im Strafverfahren, erklärt den möglichen Effekt so: Die Jugendlichen würden selbstbewusster, verstünden ihr eigenes Verhalten besser und erkannten, dass sie sich auch ohne Gewalt behaupten können. Zugleich gibt es Rückfälle. Auch Jugendliche, die im Kurs engagiert mitarbeiten, können später erneut straffällig werden und im Gefängnis landen.
Für manche endet die Unterstützung deshalb nicht mit der letzten Kurseinheit. Auf Empfehlung der Trainer schließen sich gelegentlich eine therapeutische oder pädagogische Begleitung an.
Yusuf hat inzwischen eine Ausbildung begonnen und sagt, er halte Abstand zu potenziellen Gefahren. Die Wut sei weiterhin da – sie entlade sich aber nicht mehr in Faustschlägen.
Quelle: City of Krefeld Press Releases
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Quellenprüfung Quellenlage
Die Angaben zu Ablauf, Zielgruppe und Ergebnissen wurden mit dem veröffentlichten Bericht der Stadt Krefeld abgeglichen.
- Zielgruppe und gerichtliche Auflage geprüft
- Ablauf und Trägerschaft des Trainings geprüft
- Ergebnisangabe für die Jahre 2020 bis 2025 übernommen
- Grenzen und mögliche Rückfälle im Bericht berücksichtigt
- Quelle
- Stadt Krefeld, Presse und Kommunikation
- Umfang
- Krefeld
- Aktualisiert
- 2026-09-10 12:59
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